Technologien des Singens (DFG)

DFG-gefördertes Projekt des Musikwissenschaftlichen Seminars und des Erich-Thienhaus-Instituts

Technologien des Singens – Untersuchungen zum Dispositiv Singen - Körper - Medien in der Frühzeit der Tonaufnahme

Mit diesem Titel startete in 2016 ein neues Forschungs­vorhaben, in dem das gemeinsame Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold und das Erich-Thienhaus-Institut der Hochschule für Musik Detmold eng zusammenarbeiten. Die beiden Institute haben einen gemeinsam gestellten Antrag von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bewilligt bekommen. Ihnen stehen eine Million Euro für insgesamt 36 Monate zur Verfügung.

Auszug aus dem Antragstext:

Eine Körper- und Mediengeschichte des Singens ist bisher noch nicht geschrieben worden, weder für die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die hier im Mittelpunkt stehen sollen, noch für andere Epochen. Von den vorliegenden Arbeiten zur Gesangsgeschichte unterscheidet sich das geplante Projekt durch den Ansatz, die Medialität der Tonaufnahme zum Gegenstand zu machen: Anstatt Tonaufnahmen als Dokumente der Vokalpraxis auszuwerten, verstehen wir sie als Quellen für eine durch die Bedingungen des Mediums geprägte Ästhetik, die mit der Praxis des Singens und der Geschichte des Körpers untrennbar verbunden ist.

Der Begriff Technologien des Singens verweist auf die beiden thematischen Säulen des Projekts, Gesangstechnik und Medientechnik. Er impliziert zugleich die Ausweitung der Diskurs- zur Dispositivanalyse: Medien- und Körperwissen fließt nicht nur durch sprachlich Verhandeltes, sondern auch durch sängerische und medientechnische Praxen. Das neue Medium provozierte ein Um- oder Neudenken des Körpers, das in Beziehung steht zu Veränderungen des Singens im Kontext eines mechanistischen Konzepts von Körper:

Dass Singen mehr und mehr als Körpertechnik verstanden wird, zeigt sich nicht nur in Theorien, sondern auch in Veränderungen des Gesangs, etwa in den Bereichen Körperhaltung, Atmung, Vibrato und Registernutzung. Diesem Ansatz wird in den vier miteinander verbundenen Arbeitspaketen Rechnung getragen.

Arbeitspaket 1, SängerInnen-Karrieren als Medienkarrieren, fragt nach der Bedeutung von Tonaufnahme- und Wiedergabe-Medien in der sängerischen Tätigkeit, ausgehend von der Hypothese, dass bereits in der Frühzeit der Tonaufnahme das neue Medium die SängerInnenkarrieren prägte.

Um den Einfluss historischer Aufnahmegeräte auf die Singstimme zu erkennen, wird in Arbeitspaket 2, Technik und Ästhetik der Gesangsaufnahme, mittels Methoden der musikalischen Akustik der gesamte Schallübertragungsweg von Gesangsaufnahmen analysiert und der charakteristische Einfluss des Aufnahmegerätes auf Stimmsignale modelliert. Dadurch wird eine Grundlage für deren Auswertung als Quellen für die vokale Praxis der Zeit geschaffen.

Den medienästhetischen Prämissen der Tonaufnahmen geht Arbeitspaket 3, Quellen und Dokumente zur Ästhetik der Gesangsaufnahme, nach. Anhand von gesangspädagogischen Schriften wird in Arbeitspaket 4 die Gesangstechnik im Körper- und Mediendiskurs verortet.

Der dispositivanalytische Ansatz des Projekts, der Diskurse und Praxen gleichermaßen in den Blick nimmt, verspricht nicht nur für musikwissenschaftliche und akustische Forschungsfelder neue Erkenntnisse, sondern bietet auch Anschlussmöglichkeiten für die Körper- und Mediengeschichte.

Projekt-Team:

Prof. Dr. Rebecca Grotjahn, Leitung Musikwissenschaft
Prof. Dr.-Ing. Malte Kob, Leitung Musikalische Akustik
Dr. Karin Martensen, Projekt-Koordinatorin
Dr. Thilo Hähnel, Postdoc
Dorota Habasinska, Doktorandin
Luisa Mersch, Doktorandin
Philipp Kreisig, wiss. Mitarbeiter
Tobias A. Weege, wiss. Hilfskraft